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Die Funktion des Schamgefühls

Scham ist ein ausschließlich dem Menschen eigenes Gefühl der Verlegenheit oder der Bloßstellung, das durch Verletzung seiner Intimsphäre auftritt. Dadurch ist es eine wichtige Ressource, ein wertvolles Zeichen der Innerlichkeit. Fehlt das Schamgefühl völlig, hat das psychiatrische Dimensionen. Sigmund Freud sagte schon, dass der Verlust der Scham ein sicheres Zeichen von Schwachsinn ist. Zurzeit scheint die Schamschwelle zu sinken: Im Fernsehen lassen sich junge Menschen vor Millionenpublikum demütigen; in Talkshows pöbeln sich Eheleute an; in Internet-Blogs werden freimütig intimste Geheimnisse verraten. Die öffentlich praktizierte Schamlosigkeit führt dazu, dass die natürliche Scham allmählich an Wert verliert. Freilich kann das Schamgefühl auch pathologisch überzogen ausgeprägt sein - etwa beim Perfektionismus. Das Schamgefühl kann auf dem Bewusstsein beruhen, durch unehrenhafte, unanständige oder erfolglose Handlungen sozialen Erwartungen oder ethischen Normen nicht entsprochen zu haben. Je nach der Ausprägungen der eigenen Erwartungen an sich selbst ist dieses Phänomen dann gesund oder ungesund. Die natürliche Scham schütze die Grenzen der menschlichen Intimität – und die Grenzen der anderen. Wenn man zufällig das Tagebuch seines Kindes findet oder eine fremde Beichte hört, ist man peinlich berührt. Dieses unangenehme Gefühl bringt den gesunden Menschen natürlicherweise zur Diskretion und reiht ihn in die Gesellschaft ein.

10:00 - 10:45


Gerti Senger

 
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